Die Ästhetik des Fragments: Vom Wert der Lebensspuren im Papier

Wenn ich in meinem Atelier arbeite, entsteht vieles abseits der eigentlichen Arbeit. Da liegen Papiere auf dem Arbeitstisch, die eigentlich nur als Unterlage dienen. Ich nutze sie, um Klebstoff einzupinseln, Stifte auszuprobieren, den Pinsel auszustreichen oder Gesso-Reste vom Spachtel abzustreifen. Was andere als Abfall sehen oder wegwerfen würden, besitzt für mich einen ganz eigenen Wert.

 Arbeitstisch im Kunstatelier mit Tintenfass, Cutter, Stiften und herabhängenden gelben Klebbändern.

Vom Zufall zum Material

Durch Zufall entstehen im Arbeitsprozess Strukturen, Formen und Hintergründe. Diese Papiere mit Lebensspuren sammle ich. Ich setze sie später gezielt in meinen Arbeiten ein – entweder pur oder durch anschließende Bearbeitung. Das Papier bleibt dabei mein absoluter Favorit unter den Materialien.

Das Collagieren dieser Papierfragmente ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit. Ich zeichne mal rein mit Tusche, mal arbeite ich in Kombination mit gefundenen oder zufällig gestalteten Papieren. Der freie Raum auf dem Papier ist dabei immer Teil der Komposition. Auch alltägliche Materialien wie einfaches Klebeband nutze ich als grafisches Collage-Element.

 Detailaufnahme von vier künstlerischen Figuren mit sichtbaren Strukturen aus Klebeband und Papierfragmenten.

Die Werkreihe „Yugen“ und die Grafiken

In der Malerei und bei den Wandobjekten meiner Werkreihe „Yūgen“ führen diese eingearbeiteten Papierfragmente zu einer besonderen Oberflächenstruktur – einer Textur, die ihre ganz eigene, gelebte Geschichte mitbringt.

Ein alter Pappteller mit Farbe, eine Malerspachtel und ein plastisch geformtes Papierfragment in einer Schüssel im Atelier.

Im Zusammenspiel mit Acryl und Aquarell bearbeite ich die Papierfragmente weiter. Ich kratze, schabe, spachtele und reibe auf der Oberfläche, sodass sich die verschiedenen Schichten miteinander verbinden. Die Papiere verlieren dadurch ihren alten Kontext und werden Teil einer neuen, abstrakten Erzählung.

 

Das Werk gewinnt an plastischer Tiefe – eine Struktur, die manchmal sogar dazu einlädt, nicht nur mit den Augen, sondern auch ganz behutsam mit den Händen ertastet zu werden. Es ist eine Wabi-Sabi-Ästhetik des Unperfekten und der Schönheit im Verborgenen, Gelebten.

Das fertige dreiteilige Kunstwerk im schmalen Querformat aus der Werkreihe Yūgen-Gefäße von Claudia König.