Vom Blick auf die Anderen: Gedanken zu meinen expressiven Zeichnungen

Schwarze Tuschezeichnung einer reduzierten, stehenden weiblichen Figur auf weißem Künstlerpapier.

Hast du dich schon einmal dabei ertappt, wie du einen Fehler an dir selbst unbedingt kaschieren wolltest? Einen vermeintlichen Makel, eine Schwäche, eine ungerade Linie im Lebenslauf?


In unserer von Optimierung geprägten Welt verlernen wir zunehmend, das Unperfekte auszuhalten. Doch genau dort – in den Brüchen und Rissen – liegt das, was uns als Menschen eigentlich ausmacht.
Als Künstlerin begegnet mir dieses Thema tagtäglich auf dem Papier.

Frei nach einem Gedanken des Musikers Leonard Cohen ist es erst der Riss in den Dingen, der das Licht herausscheinen lässt.

In diesem Beitrag möchte ich dich mit in mein Dortmunder Atelier nehmen und dir zeigen, warum meine Werkreihe „Die Anderen“ heute der emotionale Kern meiner gesamten grafischen Arbeit geworden ist.

Der schnelle Strich: Die gezeichnete Linie als Augenblick

Im Gegensatz zur Malerei, bei der sich die Entstehung oft in einem langwierigen Prozessen über Wochen hinzieht, lebt die expressive Grafik von der Schnelligkeit und der radikalen Reduktion. Wenn ich mich in meinem Atelier an ein neues Werk setze, suche ich den spontanen Strich.


Die gezeichnete Linie aus Tusche ist unbarmherzig – sie lässt sich nicht wegradieren. Sie ist der direkte Ausdruck des aktuellen Moments. In der Zeichnung lasse ich bewusst Unwichtiges weg. Ich korrigiere nicht. Das Zusammenspiel aus klarer Struktur, Freiflächen und dem schnellen Strich gibt den Zeichnungen ihre Lebendigkeit.


Es entstehen visuelle Notate des Menschseins: expressiv, ungeschönt und von einer filigranen Zerbrechlichkeit.

Nahaufnahme einer schwarzen Tuschezeichnung mit glänzendem Schellack und braunen Papier-Collageelementen auf Künstlerpapier.

„Die Anderen“ im Fokus: Vom Blick weiten

Lange Zeit dachte ich, das Zeichnen von Menschen in reduzierter, abstrakter Form sei nur eine Phase, eine feste Werkreihe, die ich damals „Die Anderen“ nannte. Heute verstehe ich, dass dieser Titel viel mehr ist: Er zieht sich wie ein roter Faden durch meine gesamte Arbeit.


Wenn wir den Blick weiten, ist die Kunst die Suche nach dem, was uns im Kern verbindet. Meine Zeichnungen sind keine anatomisch exakten Abbilder der Realität. Sie sind reduziert, im Strich fragmentarisch und von einer ungeschützten Offenheit. Sie zeigen den Menschen ohne Schutzschild.


In dieser bewussten Unvollkommenheit liegt eine Einladung zur Gelassenheit und Toleranz. Wenn ich eine ungerade, zitternde Linie oder ein grob gerissenes Stück Klebeband auf dem Papier stehen lasse, übe ich mich selbst in radikaler Akzeptanz.

Schwarze Tuschezeichnung von zwei reduzierten menschlichen Figuren, einem Mann und einer Frau, mit einzelnen Collage-Elementen auf weißem Papier.
Schwarze Tuschezeichnung einer Gruppe von reduzierten menschlichen Figuren mit integrierten Papier-Collageelementen auf weißem Papier.

Toleranz beginnt bei uns selbst

Diese Offenheit gilt dem Gegenüber – dem „Anderen“, dem Fremden oder dem vermeintlich Unpassenden –, aber sie fängt vor allem bei uns selbst an. Erst wenn wir lernen, unsere eigenen brüchigen Seiten und Schwächen anzunehmen, können wir der Welt friedlicher begegnen.